Vielflieger

Noch nie bin ich in einem Jahr so viel im Flugzeug unterwegs gewesen, wie in den vergangenen elf Monaten. Weitere 30 Tage liegen noch vor mir.
Aber wer einmal in Australien angekommen ist, stellt schnell fest, wie weit alles ist. Die Distanzen bekommen ganz neue Relationen. Schon bald ist es völlig selbstverständlich, dass man an einem Tag für vier Stunden im Regionalzug sitzt, um sich etwas anzuschauen. Oder einfach mal einen Bus für 13 Stunden nimmt, um in den nächsten interessanten Ort zu kommen.
Ich bin die australische Ostküste mit dem Bus gereist. Habe einige organisierte Touren gemacht. Dann bin ich mit dem legendären Ghan in 24 Stunden von Alice Springs nach Darwin gefahren und schliesslich habe ich die Westküste mit zwei anderen Backpackern im Campervan bereist. Und dazwischen bin ich mit dem Flugzeug unterwegs gewesen.

Blick aus dem Flieger kurz nach dem Start. Unterwegs von Darwin nach Broome.


Flugzeugreisen haben für uns Europaer etwas von Urlaubsstimmung. Mal nach Malle fliegen, nach Ägypten, auf die Kanarischen Inseln – welch eine Aufregung. In Australien ist eine Flugreise eher wie eine Fahrt im eigenen Auto. Völlig selbstverständlich, nur eben viel schneller.
Ich bin mit dem Flieger von Brisbane nach Cairns gekommen, von Melbourne nach Tasmanien und zurück, von Darwin nach Broome. Nun gerade erst von Perth nach Sydney – 3900 Kilometer, vier Stunden Flugzeit plus zwei Stunden Zeitverschiebung.
Die australischen Billigflieger machen es möglich und bieten auch für Backpacker erschwingliche Preise an. Die meisten Flughäfen in Australien sind übersichtlich, viele an denen ich unterwegs war, sogar ganz klein. In Broome liegt der Flughafen mitten in der Stadt, da kann man einfach hinlaufen.
Einfach ein Ticket übers Internet buchen und schon kann die Reise in Australien beginnen. Mittlerweile bin ich Profi. Einziger Haken an der Sache: Die günstigen Flüge gehen immer entweder abends ganz spät oder früh am Morgen.
So stehe ich auch diesmal abends um 22 Uhr am Flughafen von Perth. Ich habe noch Zeit, denn eins hatte ich schnell raus: Lieber einen Shuttlebus eher zum Flughafen nehmen, anstatt ins Schwitzen zu kommen, weil die Zeit immer knapper wird.
Ich gehe also zum Check-In. Ich brauche keinen Ausdruck über meine Buchung, nur meinen Reisepass. Koffer auf die Waage und in diesem Moment beginnt das Bangen, wenn die roten Digitalanzeigen aufleuchten und das Gewicht anzeigen. Ha! 19,9 Kilogramm. Genau im Limit. Ich bekomme mein Ticket, weiter geht’s.
Handgepäckkontrolle, Netbook auspacken, Hosentaschen leeren…es ist schon alles Routine. Ich gehe durch das Tor, es piept nicht, ich darf weiter und meine Habseligkeiten aus den blauen Plastikboxen wieder aufsammeln.
Dann werde ich zum wiederholten Male für eine Sprengstoffkontrolle ausgewählt. Sehen meine rotgefärbten Turnschuhe so verdächtig aus? Seit ich durch die Wüste gereist bin, habe ich sie nie wieder richtig sauber gekriegt. Oder ist es mein vollgestopfter Handgepäck-Rucksack? Mit einem überdimensionalen Wattestäbchen fährt die Flughafenmitarbeiterin über meine Sachen, meine Jacke, tastet mich ab. Währenddessen plaudert sie mit mir über Deutschland und will wissen, ob es da im Winter kalt wird. Das Wattepad kommt für die Schnellanalyse in einen Minicomputer. Siehe da, ich bin nicht verbombt und darf weiter.
Der Rest ist Wartezeit am Gate, an Bord gehen, eingequetscht zwischen den Sitzreihen sitzen und vielleicht – wenn ich mit der Sitzplatzvergabe Glück habe – aus dem Fenster schauen. So wie auf meinem Flug von Darwin nach Broome, wo ich atemberaubende Aussicht hatte.
Ankommen, Gepäck einsammeln und auf in eine neue Stadt. Oder wie dieses Mal: Auf in die Innenstadt von Sydney. Die kenne ich schon. Meine letzten Australien-Tage sind angebrochen.

Kategorien: What's up?
Kommentare: Hinterlasse einen Kommentar

Tage in der Isolation

Die Reise im Auto entlang der Westküste hat mir noch einmal deutlich gemacht, wie groß dieses Land ist. Stundenlang fährt man durchs Nichts. Wo sich die Landschaft bis zum Horizont erstreckt. Stundenlang ist man allein auf der Straße. Hin und wieder ein Roadhouse und dann ein Küstenstädtchen. 2800 Kilometer und ich bin in Perth.
Nun denke ich, ich bin in der Großstadt. Doch ein zweites Sydney findet sich an der australischen Westküste bei weitem nicht. Hatte ich auch nicht erwartet. Vielmehr ist Perth eine kleine Großstadt. Viele nette Vororte, ein übersichtliches Zentrum mit hübschen Einkaufsstraßen. Die Skyline ist noch übersichtlich und zwischen den modernen Hochhäusern finden sich immer noch die viktorianischen Gebäude aus der Zeit der ersten Siedler. Die Einwohner sind relaxt und lächeln, wenn sie durch ihre Stadt laufen. Bloß kein Stress und wie immer: No worries! Ich mag das Flair.
Dann ist da aber dieser Gedanke in meinem Hinterkopf, der mir immer noch das Gefühl gibt, dass ich irgendwo im Nirgendwo an der Westküste bin. Denn Perth gilt als isolierteste Großstadt der Welt.

Das moderne Perth: Die Skyline der kleinen, aber feinen Hauptstadt


Perth. Hauptstadt von Western Australia, dem größten Bundesstaat in Australien. Ein Drittel des ganzen Kontinents nimmt der Staat ein, ist sieben Mal größer als Deutschland, hat aber nur 2,3 Millionen Einwohner insgesamt. In der Hauptstadt Perth leben 1,5 Millionen. Winzig! Hauptwirtschaftszweige sind die Minen, die dem Staat Reichtum beschert und Perth als Zentrum haben wachsen lassen. Von Eisenerz, Uran, Gold über Steinkohle, Erdgas bis zu Diamanten wird in Western Australia alles gefördert. Und weil der Name Western Australia so lang ist, sprechen alle nur von WA.
Von der Isolation aber spricht man, weil man von Perth aus näher an Singapur als an Sydney ist. Westlich von Perth erstreckt sich der Indische Ozean, bis nach Südafrika ist da auf dem Seeweg nicht viel. Östlich von Perth liegt die gigantische Nullarbor Plain, ein riesiges Wüstengebiet.
So laufe ich nun also durch die isolierte Großstadt, der dieser Fakt eigentlich nicht wirklich anzumerken ist. Von wegen Isolation! Sämtliche Fast Food-Ketten haben den Weg nach Perth gefunden.

Ein Spaziergang durch die Straßen führt zum ältesten Gebäude des Bundesstaates. Das Roundhouse ist im Hintergrund zu sehen.


Ich nehme mir ein paar Tage Auszeit von diesem hektischen Großtstadtdschungel und fahre nach Fremantle. Ein Vorort, der einst der Hafen zur Stadt war und nun schon beinahe mit ihr verschmolzen ist. Eine 20-minütige Fahrt in der S-Bahn. Mit meinem großen Rucksack falle ich doch etwas aus dem Rahmen der üblichen Reisenden. Freo, wie das Städtchen abgekürzt wird, hat noch mehr von dem Charme, den ich schon in Perth gut leiden konnte. Die viktorianischen Häuser stehen an jeder Ecke und alle sind entspannt. Ich schlendere durch die Straßen und besuche das Roundhouse, das älteste Haus des Bundesstaates, das einst als – na, was wohl!? – Gefängnis gebaut wurde.
So vergehen die Tage in der vermeintlichen Isolation und als nächster und letzter Halt in Australien steht noch einmal Sydney auf dem Plan.

Kategorien: What's up?
Kommentare: Hinterlasse einen Kommentar

Gemütliche Giganten

Zwei Wochen lang war ich an der Westküste von Broome nach Perth unterwegs. Bei zwei Backpackern mit einem Van hatte ich eine Mitfahrgelegenheit gefunden. Es ist wahr, was über die Westküste gesagt wird. Sie ist ganz anders als die australische Ostküste. Auch ganz anders als der Rest des Landes. Vor allem ist die Westküste im Vergleich zum Rest des Kontinents unbewohnt. Lange Strecken fahren wir im Auto und sehen vor allem Nichts. Nur die endlose Landschaft, hin und wieder ein Roadhaus – also eine Tankstelle mitten im Nirgendwo.

In Australien wird echt alles mit den Roadtrains - den Zügen auf der Straße - transportiert. Sogar ein Haus!


Dann sind da noch die anderen Autofahrer. An unserem ersten Tag zwischen Broome und Port Hedland sind es insgesamt zwei weitere Fahrzeuge, die in die gleiche Richtung wie wir unterwegs sind. Regel Nummer Eins auf den entlegenen australischen Straßen: Wann immer ein anderes Auto kommt, man grüßt sich mit einer kurzen Handbewegung. Wir grüßen also fröhlich und schauen uns das endlose Nichts an. Nichtsdestotrotz hat natürlich auch die Westküste ihre schönen Ecken. Ein kleiner Auszug.

Karijini Nationalpark
Erster größerer Stopp nach drei Tagen auf der Straße: Karijini Nationalpark, etwas südöstlich Richtung Landesinnere. Die Landschaft ist atemberaubend. Tiefe Canyons, die sich durchs Land ziehen. Geformt während einer Eiszeit vor Millionen Jahren. Das Schönste an diesem Fleckchen: Die vielen natürlichen Pools. In den Wasserlöchern kann ich mich während des heißen Tages erfrischen.

Die Dales Gorge im Karijini Nationalpark mit ihren tollen Pools zum Schwimmen. Da macht dann auch die Hitze nichts mehr aus.

Exmouth und Ningaloo Reef.
Weiter südlich auf halber Strecke zwischen Broome und Perth liegt Exmouth. Die kleine Küstenstadt ist Anlaufpunkt, um das Ningaloo Reef zu sehen. Ein Riff, das unter Australienkennern als Geheimtipp und als kleine Schwester des Great Barrier Reef gilt. Zu recht: Das Ningaloo Reef ist zwar kleiner in seinen Dimensionen, dafür aber kann man direkt vom Strand mit dem Schnorchel und Taucherbrille ins Wasser und die Korallenwelt bestaunen.

Unglaublich! Die Korallen am Ningaloo Reef.


Ich habe Glück mit meinem Besuch: Es ist gerade Whaleshark-Saison. Diese Haie, die die Größe eines Wales haben schauen jedes Jahr zwischen April und Juni am Ningaloo Reef vorbei. Also: Auf ein Boot und raus aufs Riff. Ein kleines Flugzeug sichtet die riesigen Fische aus der Luft und gibt die Koordinaten an das Boot weiter. Ist ein Walhai in der Nähe, springt ein Crewmitglied ins Wasser, schnorchelt neben dem Hai und gibt per Handzeichen an, wohin wir schwimmen müssen.
Ich bin im Wasser, atme durch meinen Schnorchel, schaue noch einmal kurz auf. Ja, ich schwimme in die richtige Richtung. Blaue Dunkelheit umgibt mich. Das Sonnenlicht bricht durch die Wasseroberfläche und wird nach ein paar Metern von der Tiefe absorbiert. Ich halte Ausschau. Irgendwo hier muss er doch sein. Der Walhai. Den kann ich doch unmöglich übersehen. Plötzlich ist er da. Direkt vor mir taucht er von einer Sekunde auf die andere aus dem blauen Nichts auf. Mein Puls geht nach oben. Wow, ich sollte vielleicht besser etwas weiter links schwimmen. Mit meinen Flossen gebe ich mir etwas Anschub und weiche aus. Der Walhai hat definitiv Vorfahrt. Dann ist er neben mir. Nur ein paar Meter trennen uns. Ich schnorchel neben ihm her. Der Walhai schwimmt ruhig seines Weges. Ich mit ihm.

Ein gemütlicher Gigant: Der Walhai.


Die hellen Punkte auf seinem Körper tarnen ihn gut. Der Kopf und Körper riesig wie ein Wal. Das Aussehen wie ein Hai. Die Schwanzflosse bewegt sich gleichmäßig von rechts nach links und er gleitet durchs Wasser. Unbeeindruckt von den Touristen, die da um ihn herum schnorcheln ist der Walhai ein gemütlicher Gigant. Völlig ungefährlich, ernährt er sich doch von Plankton. Viel ist über diese Riesen nicht bekannt. Kein Forscher hat bisher herausgefunden, was sie an das Ningaloo Reef bringt, wohin sie danach schwimmen. Ortungsversuche über Peilsender scheiterten. Nicht einmal eine genaue Anzahl von Wahlhaien vor der Westküste ist bekannt. Die Giganten bleiben bis auf Weiteres ein Mysterium.

Shark Bay
Weiter geht die Reise. Bei Carnavon bestaune ich die Blowholes. Löcher im Küstenboden, durch die das Wasser in meterhohen Fontänen in die Luft geblasen wird. Nächster Halt: Hamelin Pool. Noch eine ungewöhnliche Lebensform gibt es zu bestaunen. Kleine Bakterien, die in dem salzhaltigen Wasser überleben können, haben die Stromatoliten geformt. Felsähnliche Formationen, sind es doch Lebewesen, die seit Jahrmillionen überlebt haben und heute als älteste Lebensform des Planeten gehandelt werden.

Darf ich vorstellen - unser aller Vorfahren. Die Stromatoliten - die schwarzen "Felsen" im Wasser - gelten als die älteste Lebensform der Erde.


An der Shark Bay, südlich von Carnavon gibt es den Shell Beach. Ein Kilometerlanger Strand, der nur aus kleinen Muscheln besteht. Abgelagert über Tausende von Jahren, reichen sie bis zu acht Meter tief.

Einfach nur unglaublich: Der Shell Beach hält, was der Name verspricht. Ein Strand nur aus Muscheln!

Kalbarri
Ein weiterer Nationalpark auf der Strecke von Norden nach Süden. Abermals tiefe Schluchten und kleine Wasserwege. Kalbarri ist wie der Karijini Nationalpark im Kleinformat. Südlich der Küstenstadt Kalbarri gibt es auch noch eine versteckte Great Ocean Road. Die Felsformationen aus Kalk- und Sandstein erinnern mich an die tolle Straße bei Melbourne in Victoria. Nur muss ich mir hier die herrliche Aussicht nicht mit hundert anderen Touristen teilen.

Die Great Ocean Road der Westküste. Die Klippen von Red Bluff bei Kalbarri.

Pinnacles
Noch so eine bizarre Landschaft in Western Australia. Nur rund 250 Kilometer nördlich von Perth. Und „nur“ sage ich deswegen, weil mir bei diesem Roadtrip einmal mehr bewusst geworden ist, dass 250 Kilometer in Australien wirklich eine Kleinigkeit sind.
Die Pinnacles Wüste prägt quietschgelber Sand und die spitzen Steine die wie Zipfelmützen aus der Erde ragen. Wieder so ein Mysterium: Die Wissenschaftler streiten noch über die Theorien der Entstehungsgeschichte. Nur so viel ist gewiss – alte Ablagerungen wurden unter Sand begraben und sind nun wieder freigelegt. Und so natürlich für mich gut zu sehen. So weit das Auge reicht, stehen die spitzen Steine aus dem gelben Sand empor.

Die Pinnacles Desert im Nambung Nationalpark.

Zwei Wochen war ich unterwegs. Die Zeit verging wie im Flug, viel zu schnell. Ein Reiseabschnitt, der sich, obwohl ich ihn eigentlich gar nicht eingeplant hatte, definitiv gelohnt hat. Beinahe bin ich versucht, einzustimmen in den Chor der Backpackerstimmen, die sagen: Die Westküste ist viel schöner als die Ostküste. Die Westküste ist mehr zum Genießen. Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht von der Landschaft, die da mitten im Nirgendwo mit ihren Felsen, Wasserfällen, dem Riff beeindruckt. Ich entschließe mich für: Beide Küsten haben ihre schönen Ecken.

Kategorien: What's up?
Kommentare: 3 Kommentare