Gemütliche Giganten

Zwei Wochen lang war ich an der Westküste von Broome nach Perth unterwegs. Bei zwei Backpackern mit einem Van hatte ich eine Mitfahrgelegenheit gefunden. Es ist wahr, was über die Westküste gesagt wird. Sie ist ganz anders als die australische Ostküste. Auch ganz anders als der Rest des Landes. Vor allem ist die Westküste im Vergleich zum Rest des Kontinents unbewohnt. Lange Strecken fahren wir im Auto und sehen vor allem Nichts. Nur die endlose Landschaft, hin und wieder ein Roadhaus – also eine Tankstelle mitten im Nirgendwo.

In Australien wird echt alles mit den Roadtrains - den Zügen auf der Straße - transportiert. Sogar ein Haus!


Dann sind da noch die anderen Autofahrer. An unserem ersten Tag zwischen Broome und Port Hedland sind es insgesamt zwei weitere Fahrzeuge, die in die gleiche Richtung wie wir unterwegs sind. Regel Nummer Eins auf den entlegenen australischen Straßen: Wann immer ein anderes Auto kommt, man grüßt sich mit einer kurzen Handbewegung. Wir grüßen also fröhlich und schauen uns das endlose Nichts an. Nichtsdestotrotz hat natürlich auch die Westküste ihre schönen Ecken. Ein kleiner Auszug.

Karijini Nationalpark
Erster größerer Stopp nach drei Tagen auf der Straße: Karijini Nationalpark, etwas südöstlich Richtung Landesinnere. Die Landschaft ist atemberaubend. Tiefe Canyons, die sich durchs Land ziehen. Geformt während einer Eiszeit vor Millionen Jahren. Das Schönste an diesem Fleckchen: Die vielen natürlichen Pools. In den Wasserlöchern kann ich mich während des heißen Tages erfrischen.

Die Dales Gorge im Karijini Nationalpark mit ihren tollen Pools zum Schwimmen. Da macht dann auch die Hitze nichts mehr aus.

Exmouth und Ningaloo Reef.
Weiter südlich auf halber Strecke zwischen Broome und Perth liegt Exmouth. Die kleine Küstenstadt ist Anlaufpunkt, um das Ningaloo Reef zu sehen. Ein Riff, das unter Australienkennern als Geheimtipp und als kleine Schwester des Great Barrier Reef gilt. Zu recht: Das Ningaloo Reef ist zwar kleiner in seinen Dimensionen, dafür aber kann man direkt vom Strand mit dem Schnorchel und Taucherbrille ins Wasser und die Korallenwelt bestaunen.

Unglaublich! Die Korallen am Ningaloo Reef.


Ich habe Glück mit meinem Besuch: Es ist gerade Whaleshark-Saison. Diese Haie, die die Größe eines Wales haben schauen jedes Jahr zwischen April und Juni am Ningaloo Reef vorbei. Also: Auf ein Boot und raus aufs Riff. Ein kleines Flugzeug sichtet die riesigen Fische aus der Luft und gibt die Koordinaten an das Boot weiter. Ist ein Walhai in der Nähe, springt ein Crewmitglied ins Wasser, schnorchelt neben dem Hai und gibt per Handzeichen an, wohin wir schwimmen müssen.
Ich bin im Wasser, atme durch meinen Schnorchel, schaue noch einmal kurz auf. Ja, ich schwimme in die richtige Richtung. Blaue Dunkelheit umgibt mich. Das Sonnenlicht bricht durch die Wasseroberfläche und wird nach ein paar Metern von der Tiefe absorbiert. Ich halte Ausschau. Irgendwo hier muss er doch sein. Der Walhai. Den kann ich doch unmöglich übersehen. Plötzlich ist er da. Direkt vor mir taucht er von einer Sekunde auf die andere aus dem blauen Nichts auf. Mein Puls geht nach oben. Wow, ich sollte vielleicht besser etwas weiter links schwimmen. Mit meinen Flossen gebe ich mir etwas Anschub und weiche aus. Der Walhai hat definitiv Vorfahrt. Dann ist er neben mir. Nur ein paar Meter trennen uns. Ich schnorchel neben ihm her. Der Walhai schwimmt ruhig seines Weges. Ich mit ihm.

Ein gemütlicher Gigant: Der Walhai.


Die hellen Punkte auf seinem Körper tarnen ihn gut. Der Kopf und Körper riesig wie ein Wal. Das Aussehen wie ein Hai. Die Schwanzflosse bewegt sich gleichmäßig von rechts nach links und er gleitet durchs Wasser. Unbeeindruckt von den Touristen, die da um ihn herum schnorcheln ist der Walhai ein gemütlicher Gigant. Völlig ungefährlich, ernährt er sich doch von Plankton. Viel ist über diese Riesen nicht bekannt. Kein Forscher hat bisher herausgefunden, was sie an das Ningaloo Reef bringt, wohin sie danach schwimmen. Ortungsversuche über Peilsender scheiterten. Nicht einmal eine genaue Anzahl von Wahlhaien vor der Westküste ist bekannt. Die Giganten bleiben bis auf Weiteres ein Mysterium.

Shark Bay
Weiter geht die Reise. Bei Carnavon bestaune ich die Blowholes. Löcher im Küstenboden, durch die das Wasser in meterhohen Fontänen in die Luft geblasen wird. Nächster Halt: Hamelin Pool. Noch eine ungewöhnliche Lebensform gibt es zu bestaunen. Kleine Bakterien, die in dem salzhaltigen Wasser überleben können, haben die Stromatoliten geformt. Felsähnliche Formationen, sind es doch Lebewesen, die seit Jahrmillionen überlebt haben und heute als älteste Lebensform des Planeten gehandelt werden.

Darf ich vorstellen - unser aller Vorfahren. Die Stromatoliten - die schwarzen "Felsen" im Wasser - gelten als die älteste Lebensform der Erde.


An der Shark Bay, südlich von Carnavon gibt es den Shell Beach. Ein Kilometerlanger Strand, der nur aus kleinen Muscheln besteht. Abgelagert über Tausende von Jahren, reichen sie bis zu acht Meter tief.

Einfach nur unglaublich: Der Shell Beach hält, was der Name verspricht. Ein Strand nur aus Muscheln!

Kalbarri
Ein weiterer Nationalpark auf der Strecke von Norden nach Süden. Abermals tiefe Schluchten und kleine Wasserwege. Kalbarri ist wie der Karijini Nationalpark im Kleinformat. Südlich der Küstenstadt Kalbarri gibt es auch noch eine versteckte Great Ocean Road. Die Felsformationen aus Kalk- und Sandstein erinnern mich an die tolle Straße bei Melbourne in Victoria. Nur muss ich mir hier die herrliche Aussicht nicht mit hundert anderen Touristen teilen.

Die Great Ocean Road der Westküste. Die Klippen von Red Bluff bei Kalbarri.

Pinnacles
Noch so eine bizarre Landschaft in Western Australia. Nur rund 250 Kilometer nördlich von Perth. Und „nur“ sage ich deswegen, weil mir bei diesem Roadtrip einmal mehr bewusst geworden ist, dass 250 Kilometer in Australien wirklich eine Kleinigkeit sind.
Die Pinnacles Wüste prägt quietschgelber Sand und die spitzen Steine die wie Zipfelmützen aus der Erde ragen. Wieder so ein Mysterium: Die Wissenschaftler streiten noch über die Theorien der Entstehungsgeschichte. Nur so viel ist gewiss – alte Ablagerungen wurden unter Sand begraben und sind nun wieder freigelegt. Und so natürlich für mich gut zu sehen. So weit das Auge reicht, stehen die spitzen Steine aus dem gelben Sand empor.

Die Pinnacles Desert im Nambung Nationalpark.

Zwei Wochen war ich unterwegs. Die Zeit verging wie im Flug, viel zu schnell. Ein Reiseabschnitt, der sich, obwohl ich ihn eigentlich gar nicht eingeplant hatte, definitiv gelohnt hat. Beinahe bin ich versucht, einzustimmen in den Chor der Backpackerstimmen, die sagen: Die Westküste ist viel schöner als die Ostküste. Die Westküste ist mehr zum Genießen. Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht von der Landschaft, die da mitten im Nirgendwo mit ihren Felsen, Wasserfällen, dem Riff beeindruckt. Ich entschließe mich für: Beide Küsten haben ihre schönen Ecken.

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4 Antworten auf Gemütliche Giganten

  1. avatar Can sagt:

    Ich liebe die Westküste! :D

  2. avatar Verena Hanneken sagt:

    Toller Bericht, Linda! Und ganz lieben Dank für deine Postkarte!!! Haben uns sehr gefreut. :)

  3. avatar Kerstin sagt:

    Das war ja wieder hoch interresant… gehören denn die Roadtrains auch zu den gemütlichen Giganten? Scharfes Bild – manchmal wünschte ich mit unserem Haus ginge das auch… dann wäre ich hier schon verschwunden lg von uns

  4. avatar Anita sagt:

    Hallo Linda,
    ich muss sagen, ich bin wirklich beeindruckt von deiner Seite! Deine Texte sind super zu lesen und machen großen Spaß. Außerdem sind deine Fotos klasse, ich mag besonders das Bild vom Shell Beach! Es muss unbeschreiblich sein, dort entlangzuspazieren!
    Ich beschäftige mich seit einer Weile mit Australien und dem Thema Backpacken, weil ich sehr gerne nach dem Studium für eine Weile nach down under gehen würde! Und natürlich kribbelts mich schon jetzt in den Fingern und ich kann das Planen nicht lassen! Im Internet bin ich schon auf eine Reihe interessanter Berichte und Blogs gestoßen, darunter dieser hier: wohnmobil-mieten-australien.de . Gefällt mir auch ganz gut, ist sehr informativ und nett zu lesen! Ich finde private Blogs immer viel interessanter und besser als Reiseseiten- oder Magazine! Ich komme jetzt jedenfalls häufiger bei dir vorbei!
    Lg, Anita

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